AK zum Tod von Dame Stephanie Shirley (1933–2024)

Wien (OTS) – Stephanie Shirley wurde 1933 als Vera Stephanie Buchthal
in Dortmund
geboren. Ihre Familie zog unter dem wachsenden Druck auf die jüdische
Bevölkerung zunächst nach Österreich. Hier verbrachte sie einen Teil
ihrer frühen Kindheit in Perchtoldsdorf bei Wien. 1939 gelang ihr
gemeinsam mit ihrer Schwester in einem Kindertransport die Flucht vor
dem Terrorregime der Nazis nach Großbritannien. Ihren Eltern gelang
später ebenfalls die Flucht.

In Großbritannien entfaltete Vera schnell ihr außergewöhnliches
mathematisches Talent. 1951 wurde sie britische Staatsbürgerin und
führte fortan den Namen Stephanie Brook, unter dem sie ein
erfolgreiches Mathematikstudium absolvierte. 1959 heiratete sie Derek
Shirley. Nach beruflichen Stationen im Forschungsinstitut der Royal
Mail und in einer renommierten IT-Firma erlebte sie am eigenen Leib
die Last einer „gläsernen Decke“. Von Kollegen und Vorgesetzten als
Frau benachteiligt, beschloss sie 1962, ihren eigenen Weg zu gehen.
Sie gründete mit sechs Pfund Startkapital die Softwarefirma F
International Group. Mit ihrem Unternehmen zählte sie zu den
erfolgreichsten Unternehmerinnen Großbritanniens. Ihr Vermögen teilte
sie mit ihren Mitarbeiter:innen und unterstützte großzügig wohltätige
Zwecke.

Stephanie Shirley war zeitlebens eine Kämpferin für
Gleichberechtigung und Frauenrechte. Als erste Präsidentin der
British Computer Society prangerte sie den Sexismus der Branche an.
In ihrem eigenen Unternehmen, in dem sie vorwiegend Frauen
beschäftigte, lebte sie vor, wie man ein Arbeitsumfeld schaffen kann,
das Frauen die gleichen Chancen bietet wie ihren männlichen Kollegen.
Sie entwickelte innovative Arbeitszeit- und Kinderbetreuungsmodelle
und schrieb in einem männlich dominierten Umfeld IT-Geschichte.

2015 durfte die Arbeiterkammer Wien Dame Stephanie Shirley zu
einem „Wiener Stadtgespräch“ einladen. „Ein Gespräch, auf das wir
stolz zurückblicken“, so AK Direktorin Silvia Hruška-Frank. „Mit ihr
war eine Frau zu Gast, die wie kaum jemand anderes den Mut, die
Innovationskraft und das gesellschaftliche Engagement verkörperte,
das es für Fortschritt braucht.“

„Wir gedenken ihres außergewöhnlichen Lebens auch im Lichte des
100-jährigen Jubiläums der Gründung der Frauenabteilung der AK Wien
durch Käthe Leichter“, so Hruška-Frank. Während Käthe Leichter dem
Terror der Nationalsozialisten zum Opfer fiel, konnte Stephanie
Shirley ihr Leben retten und widmete es dem Einsatz für Frauen, für
soziale Gerechtigkeit und für eine bessere Zukunft. Ihr Tod blieb in
Österreich, dem Land, aus dem sie einst vor den Nationalsozialisten
fliehen musste, weitgehend unbeachtet. Hruška-Frank: „Wir aber lassen
ihr Vermächtnis nicht verhallen und erinnern voller Dankbarkeit an
eine Frau, die mit Mut und Weitsicht Geschichte geschrieben hat. Wir
verneigen uns vor einer beeindruckenden Frau und trauern um den
Verlust.“

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