Alpenvereine und Naturschutzorganisationen fordern besseren Schutz der Alpen

Kühtai/Innsbruck (OTS) – Stauseen, Zufahrtsstraßen, Liftanlagen: Der
Nutzungsdruck auf alpine
Landschaften nimmt stetig zu. Die Alpenvereine aus Österreich,
Deutschland und Südtirol sowie zehn weitere
Naturschutzorganisationen, darunter WWF und BirdLife, machen in
Kühtai (Tirol) auf Fehlentwicklungen aufmerksam. In einer breiten
Allianz fordern sie mehr Verantwortung bei Energie- und
Tourismusprojekten im Hochgebirge. Unberührte alpine Natur ist eine
wertvolle Ressource, die es zu erhalten gilt. Die Politik müsse daher
Beteiligungsrechte sichern und klare Grenzen für Bauvorhaben ziehen.

Der Ort Kühtai sei bewusst gewählt, erklärt Wolfgang Schnabl ,
Präsident des Österreichischen Alpenvereins. Nicht weil es darum
gehe, eine Region an den Pranger zu stellen, sondern weil hier
sichtbar wird, was viele alpine Landschaften zunehmend prägt –
Skipisten, Lifte, Zufahrtsstraßen, Beschneiungsanlagen und
Energieinfrastruktur. Im Hintergrund eine Großbaustelle: Mit
Muldenkippern, Bulldozern und Baggern wird gerade am 113 Meter hohen
Staudamm gebaut – für einen weiteren Speichersee im Längental.

„Die Energiewende ist notwendig, ebenso eine verantwortungsvolle
Tourismusentwicklung. Beides darf jedoch kein Freibrief für Eingriffe
in sensible Hochgebirgslandschaften sein. Der Nutzungsdruck wächst –
umso dringlicher sind klare Leitplanken zum Schutz der letzten
unberührten Ökosysteme“, erklärt Schnabl. Gemeinsam mit dem Deutschen
Alpenverein und dem Alpenverein Südtirol wurde zu dem
Lokalaugenschein auf 2.000 Metern Seehöhe geladen, wo sich eine
internationale Allianz aus befreundeten alpinen Vereinen und
Naturschutzorganisationen wie Naturfreunde, WWF, CAI, Club Arc Alpin,
BirdLife, WET und vielen mehr eingefunden hat.*

Ihre gemeinsame Botschaft lautet: Die Alpen sind keine
unbegrenzte Ressource. Wer Bergnatur auch für kommende Generationen
erhalten will, muss heute klare Grenzen ziehen.

Zwtl.: Kühtai als Warnsignal für das Platzertal

Denn ist Natur einmal verbaut, sei diese meist unwiederbringlich
verloren. „Wir müssen also hinsehen und erkennen, was auf dem Spiel
steht“, sagt Roland Stierle , Präsident des Deutschen Alpenvereins:
„Mit der Dortmunder Hütte sind wir hier seit den 1930er-Jahren
präsent. Wir erleben unmittelbar, wie schwierig die Balance zwischen
Nutzung und Schutz der Alpen geworden ist. Gerade weil auch wir
Infrastruktur betreiben, sprechen wir nicht leichtfertig über Grenzen
der Erschließung. Die entscheidende Frage lautet: Wann ist es genug?“

Was in Kühtai passiert, könnte schon bald auch im Tiroler
Platzertal Realität werden, wo trotz vieler offener Risiken ein
Stausee entstehen soll. Die anwesenden Organisationen warnen
eindringlich davor, eines der größten noch weitgehend unberührten
hochalpinen Moor- und Feuchtgebiete Österreichs zu opfern. „Mitten in
der Klima- und Biodiversitätskrise sind solche Naturräume
unverzichtbar“, betont Marlis Knapp vom WWF: „Sie speichern Wasser,
binden klimaschädliches CO₂ und bieten seltenen Tier- und
Pflanzenarten einen Rückzugsraum. Während europaweit Millionen in die
Wiederherstellung von Mooren investiert werden, soll ausgerechnet das
Platzertal zerstört werden. Das ist widersinnig.“

Dass die Erschließungen in den Alpen ein kritisches Maß erreicht
haben, sei kein rein österreichisches Phänomen, stellt der Präsident
des Südtiroler Alpenvereins Georg Simeoni fest. Mehr denn je brauche
es kritische Fürsprecher für die Natur, die allerdings von der
Politik systematisch geschwächt würden: „In Italien, wie in
Deutschland und Österreich wird es immer schwieriger, als
Naturschutzorganisationen an Entscheidungsprozessen bei den
verschiedensten Projekten aktiv mitzuarbeiten und Perspektiven
einzubringen. Diese Entwicklung ist nicht nur ökologisch, sondern
auch demokratiepolitisch bedenklich.“

Die Alpenvereine und Naturschutzorganisationen verlangen einen
verantwortungsvollen Umgang zum Schutz unberührter Naturräume. Diese
sind die Lebensgrundlage kommender Generationen.

Mit vier Forderungen wenden sie sich in Kühtai an die
Öffentlichkeit:

Platzertal erhalten. Der größte hochalpine Moor- und
Feuchtgebietskomplex ist durch ein Kraftwerksprojekt bedroht.
Ökologisch wäre der Verlust nicht vertretbar.

Alternativen ernsthaft prüfen. Bestehende technische Räume müssen
zuerst effizienter genutzt werden, bevor naturnahe Hochtäler verbaut
werden. Großprojekte im Hochgebirge dürfen nicht isoliert betrachtet
werden, sondern müssen in ihrer gesamten Wirkung geprüft werden –
gemeinsam mit bestehenden Speichern, Wasserableitungen, touristischer
Infrastruktur, Zufahrten und den zunehmenden Risiken des
Klimawandels.

Beteiligungsrechte sichern. Natur braucht eine starke Stimme –
und demokratische Verfahren brauchen kritische Beteiligung. Wenn
Umweltorganisationen und unabhängigen Umweltinstanzen Rechte genommen
werden, schwächt das den Naturschutz und die demokratische Kontrolle.

– Klare Leitplanken zugunsten des Naturschutzes. Die Energiewende ist
notwendig. Sie darf aber nicht auf Kosten unberührter Naturräume
vorangetrieben werden. Beschleunigte Verfahren, vereinfachte
Genehmigungen und gelockerte Schutzbestimmungen dürfen nicht dazu
führen, dass sich die Grenzen immer weiter zulasten der Natur
verschieben.

Zwtl.: *) Statements der Organisationen:

„Für den Club Arc Alpin als Dachverband der Alpenvereine im
Alpenbogen ist naturgemäß der Schutz und die nachhaltige Entwicklung
des Alpenraumes das zentrale Anliegen. Er unterstützt die Ziele der
Alpenkonvention, die den Erhalt von Natur, Kultur und Lebensqualität
in den Alpen sicherstellen soll. Die Situation im Kühtai ist
sinnbildlich für viele Regionen in den Alpen, in denen
Massentourismus oder gigantische Energiegewinnungsprojekte unberührte
Natur als Erholungs- und Lebensraum für Mensch und Artenvielfalt
zerstören. Ein Umdenken weg vom Massentourismus hin zu einer
nachhaltigen lokalen Wertschöpfung ist unausweichlich. Im Rahmen von
Projekten zur Energiegewinnung muss der Schutz von Natur und Umwelt
ausreichend gewichtet werden, um zukünftig Betonsünden wie im
Längental zu vermeiden. Die Zerstörungswut in den Bergen muss
aufhören, denn die Zukunft der Alpen liegt in Nachhaltigkeit und
nicht in Größenwahn.“ Alberto Ghedina, Club Arc Alpin

„Das Platzertal macht einen zentralen Zielkonflikt der
Energiewende sichtbar: Der dringend notwendige Klimaschutz muss mit
dem Schutz einzigartiger Naturräume in Einklang gebracht werden. Die
hochalpine Hochebene mit ihren einzigartigen Moorgebieten ist
ökologisch äußerst wertvoll. Dass der Kraftwerksausbau seit
Jahrzehnten geplant wird, macht die Eingriffe nicht weniger
problematisch. Im Gegenteil: heute wissen wir mehr über die Bedeutung
intakter Moore für Biodiversität und Wasserhaushalt. Wird ein solches
Ökosystem zerstört, lässt es sich nicht einfach wiederherstellen.
Naturräume sind keine beliebig ersetzbaren Flächen. Deshalb darf die
Entscheidung nicht allein nach finanziellen Kriterien getroffen
werden. Eine verantwortungsvolle Energiewende braucht klare Grenzen
und den Schutz besonders sensibler Naturgebiete.“ Günther Abraham,
Bundesgeschäftsführer Naturfreunde

„Die Alpen sind spezialisierter Lebensraum für Tiere und
Pflanzen, die im Tiefland nicht vorkommen. Viele ökologische
Prozesse, die dort stattfinden, haben Auswirkungen bis weit außerhalb
der Berge, sind aber nicht unmittelbar sichtbar für jeden. Auch wenn
die Alpen untrennbar mit der Energiewende, Wasserkraft oder dem
Tourismus verknüpft sind – es darf nicht um kurzfristiges Maximieren
von Gewinn gehen, sondern um langfristige Abwägung und
Prioritätensetzung!“ Katharina Bergmüller, BirdLife Österreich

„Das Kühtai ist ein Paradebeispiel dafür, was in Tirol mit der
Wasserkraft schiefläuft. Das Sellrain ist eine komplett entwässerte
Region, die Bäche werden zu 100% in die Kraftwerkskette Sellrain-Silz
eingezogen. Anstatt die Bäche gemäß der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL)
zu sanieren und Restwasser abzugeben, werden mit dem Ausbau nun
weitere aus Stubai- und Ötztal eingezogen. Das Längental wurde für
einen Stausee geopfert, aber gleichzeitig hier nicht die maximal
mögliche Leistung installiert, sodass jetzt zusätzlich noch das
Platzertal zerstört werden soll. WET fordert den Stopp der
Ausbaupläne im Platzertal und eine Sanierung aller Tiroler Flüsse
gemäß WRRL.“ Anna Stevens, Wildwasser erhalten Tirol

„Die Alpen sind mehr als die Energiewende. Die Alpen sind mehr
als eine wirtschaftliche Ressource und die Alpen sind mehr als eine
touristische Kulisse. Wir von Protect Alpine Nature setzen uns
grenzübergreifend für den Erhalt von alpinen Naturlandschaften, wie
den noch unverbauten Flächen hier im Kühtai oder im Platzertal ein
und fordern ein Umdenken- weck vom Konsumgut ‚Alpenregion‘ hin zur
Wertschätzung der Alpen als Existenzgrundlage, Lebensraum und
Erholungsort für Flora und Fauna sowie für uns Menschen und unsere
nächsten Generationen.“ Katharina Klee, Protect Alpine Nature (PAN)

“Wir müssen endlich aufhören, Energiewende und Naturschutz
gegeneinander auszuspielen. Wer Klimaneutralität bis 2040 ernsthaft
erreichen will, braucht beides: den konsequenten Ausbau erneuerbarer
Energien und den wirksamen Schutz unserer letzten intakten
Naturräume. Denn diese sind selbst eine zentrale Grundlage für
erfolgreichen Klimaschutz. Das heißt ganz klar: Ohne Windkraft- und
Photovoltaikanlagen auch in den Bergen wird es nicht gehen –
allerdings vor allem dort, wo bereits Infrastruktur vorhanden ist.
Wenn wir uns nicht auf dieses gemeinsame Ziel verständigen, zerstören
wir die Natur indirekt – und damit letztlich auch unsere eigene
wirtschaftliche Grundlage.” Christina Stahl, Protect Our Winters
Österreich

„Die Erschließung des Alpinen Raumes ist abgeschlossen“ – dieser
Satz aus dem gemeinsamen Manifest ist für uns als Heimatpflegeverband
Südtirol der Kompass für alle aktuellen Debatten. Das
Kraftwerksprojekt im Längental zeigt exemplarisch, was droht, wenn
dieser Grundsatz ignoriert wird: Hochalpine Naturräume werden
unwiederbringlich für Infrastruktur geopfert, die zu kurzfristig
gedacht wurde. Die Energiewende braucht keine neuen Megaprojekte im
Hochgebirge. Sie braucht Energieeffizienz, kluge Nutzung bestehender
Anlagen und einen maßvollen Ausbau erneuerbarer Energien. Denn was
einmal verbaut ist, wächst nicht nach.“ Florian Trojer,
Heimatpflegeverband Südtirol

„Die Region rund um Kühtai hat mit drei Stauseen, zwei gefluteten
Tälern und demnächst drei Kraftwerken bereits einen beträchtlichen
Beitrag zur Energiewende geleistet. Eine weitere Zerstörung
ursprünglicher Naturräume durch die geplanten Windparks auf den
Feldringer Böden und am Amberg würden weder die lokale Bevölkerung
noch die BI Feldring widerstandslos hinnehmen.“ Gerd Estermann, BI
Feldring

„Die Alpen gehören zu den artenreichsten und zugleich
verletzlichsten Lebensräumen Europas. Doch der zunehmende Ausbau von
Infrastruktur und die fortschreitende Erschließung bislang
unberührter Räume setzen die biologische Vielfalt der Alpen immer
stärker unter Druck. Gerade in Zeiten des weltweiten Artensterbens
brauchen wir mehr Raum für Natur, nicht weniger. Hochalpine Moore,
Feuchtgebiete und naturnahe Täler sind unverzichtbare Rückzugsräume
für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Daher unterstützt Wild
Environments die Forderungen der Alpenvereine nach einem besseren
Schutz der Alpen. Denn was heute verloren geht, lässt sich morgen
nicht einfach zurückholen. Der Schutz von Natur und Biodiversität ist
keine Nebensache, sondern eine zentrale Voraussetzung für eine
lebenswerte Zukunft.“ Tobias Büttel, Stiftung Wild Environments

„Die Alpen sind Lebensraum, Erholungsraum und sensible Natur, für
die wir gemeinsam Verantwortung tragen. Die alpinen Vereine wissen um
den Wert von Infrastruktur, die uns das Erleben der Natur erst
ermöglicht – aber ebenso wissen wir um ihre Grenzen. Gerade deshalb
unterstützen wir den Appell, Hochgebirgsräume in ihrer
Ursprünglichkeit zu erhalten. Der Ausbau erneuerbarer Energie und
touristische Entwicklung müssen kein Widerspruch zu unseren Anliegen
sein. Die Politik und die Wirtschaft sind gefordert, einen Weg
einzuschlagen, der auch künftigen Generationen eine intakte Umwelt
garantiert.“ Gerald Dunkel-Schwarzenberger, Präsident des Verbands
alpiner Vereine Österreichs (VAVÖ)

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